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Kletterkünste unter Kontrolle

Wenn Christian Stolberg zu seinem Arbeitsplatz will, heißt es erst einmal klettern. 60 Meter hoch steigt er auf einem Gittermast aus Stahl. Nach jedem Schritt muss er sein Sicherungsseil neu einhaken. Erst dann geht’s weiter. Die Stromleitung, an der er zu tun hat, ist abgeschaltet. Doch dass auf der anderen Seite, zehn Meter neben ihm, 380.000 Volt durch die Leitungen knistern, bleibt ihm nicht verborgen. Das Brummen der höchsten Spannung, die in deutschen Stromnetzen anliegt, ist zu hören, die Vibrationen kann er spüren.

Bei der Arbeit in großer Höhe sind alle Sicherheitsregeln zwingend zu beachten.

Dass die Freileitungsmonteure der Firma Cteam Consulting & Anlagenbau aus Ummendorf in Baden-Württemberg bei so einem Job peinlich genau auf ihre Sicherheit achten müssen, dürfte klar sein. Das Thema ist immer präsent und ein wichtiger Bestandteil der Einsatzbesprechung des 26 Mann starken Trupps. Beim Briefing auf der Baustelle und im Cteam-Baulager in Biblis erklärt der Strecken bauleiter Ernst Lueger, welche Arbeiten anstehen und auf welche Gefahren zu achten ist: herabfallende Teile, beschädigte Werkzeuge und spannungsführende Elemente. Alle Sicherheitsregeln beim Arbeiten in der Höhe sind zwingend zu beachten. Für die kroatischen Teammitglieder gibt es eine Übersetzung.

Das alles ist normalerweise Routine. Heute aber nicht ganz. Andreas Geiger von DEKRA Organisational Reliability und sein Kollege Thomas Fischer haben nicht nur an einer Einführungsbesprechung und der Unterweisung teilgenommen. Sie werden die Mannschaft von Cteam den ganzen Tag auf der Baustelle begleiten und sich die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen in der Praxis anschauen. Im Anschluss erfolgt die Bewertung der Sicherheit und Einstellung des Verhaltens und der kulturellen Aspekte auf der Baustelle.

Zertifizierte Sicherheitskultur

Hintergrund des Audits ist die fünfstufige Safety Culture Ladder (SCL), ein zertifizierbarer Standard für die Sicherheitskultur in Unternehmen. Einer der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber, TenneT, nutzt die SCL als Maßnahme, um bei sich und den Auftragnehmern wie Cteam das Sicherheitsbewusstsein zu erhöhen und letztlich die höchste Sicherheitseinstufung zu erreichen. Cteam ist im oberschwäbischen Landkreis Biberach ansässig und hat insgesamt 455 Mitarbeiter; davon sind 269 im Bereich Freileitungsbau beschäftigt. Die beiden DEKRA Sicherheitsexperten unterstützen die Firma dabei, die Strukturen zu optimieren und auch im Ranking voranzukommen. 

„TenneT ist hier die treibende Kraft. Das Unternehmen will auf Stufe vier kommen, die zweitbeste Kategorie. Dazu müssen die Zulieferer Stufe drei erreichen“, erklärt Benjamin Gick, Projektleiter bei DEKRA Assurance Services. Zu den Zulieferern, die ihre Sicherheitsstrukturen kontrollieren lassen, gehören nicht nur Leitungsbauer. Das gesamte Gewerbespektrum ist gefordert. Die Berater beobachten auch die Arbeit an Windkraftanlagen oder auf Kabellegerschiffen. „Wir sind nicht im Einsatz, weil wir unbedingt etwas finden wollen“, sagt DEKRA Mann Andreas Geiger. Er sieht seine Aufgabe stattdessen darin, herauszubekommen, wie das Thema Sicherheit in der Firma gelebt wird und wie man es gemeinsam weiterentwickeln kann.

Sicherheit in der Firma leben und Strukturen gemeinsam weiterentwickeln.

Bei jedem Wetter

So auch an diesem Tag. Die Projektaufgabe von Cteam ist es, zwei 380-Kilovolt-Stromkreise auf einer Länge von sechs Kilometern mit neuen Leiterseilen aufzurüsten. Die gigantischen Isolatoren werden ebenfalls ausgetauscht. Hellblaue Kunststoffelemente ersetzen dabei die braunen Isolatoren aus Keramik. Die Masten, auf denen die Freileitungsmonteure werkeln, sind hier 50 bis 70 Meter hoch, zwei Kirchtürme übereinander. Die Männer tragen schweres Werkzeug und haben eine Sicherheitsausrüstung am Leib, die allein bereits etwa 30 Kilogramm wiegt. Dass es an diesem Tag schon unten am Boden eiskalt ist, scheint sie nicht zu stören. Mehrere Schichten Kleidung, winddichte Jacken und Schutzbrillen erfüllen ihren Zweck. Die Kletterer – viele kommen aus Österreich – haben gute Laune, und jeder versichert: „Dieser Job macht Spaß!“ Gearbeitet wird bei jedem Wetter. Nur bei Eis und starken Windböen bleiben sie am Boden.

Aufeinander zu achten, ist lebenswichtig

Auditor und Auftraggeber: Bei Vor-Ort-Kontrollen gewinnen die Sicherheitsexperten wichtige Erkenntnisse. Die Sicherheitsschulung ist Pflicht.

Egal, ob aufwärts oder abwärts: Die bis zu 30 Kilogramm schwere Sicherheitsausrüstung ist immer am Mann.

Lebenswichtiger Sicherheitscheck: Alle Arbeitsmittel werden vor dem Einsatz geprüft.

Achtsames Miteinander

Die erste Inspektionsrunde der SCL-Experten führt durchs Baulager. Beschädigte Werkzeuge werden hier in Kisten weggesperrt. Die schweren Kabeltrommeln sind mit Keilen gegen Wegrollen gesichert. Das gefällt Thomas Fischer. Aber wie ist das mit den kroatischen Mitarbeitern, verstehen sie wirklich alle Hinweise? Kein Problem: Einige sprechen gut Deutsch und geben die Informationen an ihre Kollegen weiter, und das Unternehmen bietet Deutschkurse an. Streckenbauleiter Ernst Lueger: „Wenn ich mir nicht sicher bin, ob ein Kollege das richtig begriffen hat, fahre ich raus und schaue es mir an.“

Große Gefahrenpotenziale sind im Griff: Aber kleine Dinge führen auch zu Unfällen.

Michael Schürle ist Leiter Integriertes Managementsystem bei Cteam und damit zuständig für Qualität und EHS. Er verweist darauf, dass die Eintrittsschulungen für neue Mitarbeiter von drei Tagen auf eine Woche verlängert wurden. Gegenseitig aufeinander zu achten, sei für die Männer selbstverständlich und auch eine Aufgabe der Vorgesetzten. Das Team erhält zudem eine Prämie, wenn es ein halbes Jahr lang unfallfrei arbeitet. Und: Die größten Gefahrenpotenziale wie Strom und Höhe sind nicht das Problem. Das hat man im Griff. So ist zum Beispiel ungesichertes Steigen ein Entlassungsgrund bei Cteam. Es sind vielmehr die kleinen Dinge, die zu Unfällen führen: Einer stolpert über ein Werkzeug, der andere greift ohne Handschuh in eine Drahtrolle.

Ein paar Minuten später zeigt sich, welche Details entscheidend sein können. Der Monteur an Mast 14 hat Material abgeseilt, darunter eine Tragschlinge. Diese hat zu viel „Schlupf“ und kann nicht mehr verwendet werden. Um das sicherzustellen, macht ein Mitarbeiter das Teil mit einem Messer unbrauchbar. Eigentlich alles vorbildlich. Nur das mit dem Messer gefällt den Sicherheitsexperten nicht. Gibt es da keine andere Möglichkeit, einen Bolzenschneider, eine Schere? Alle wollen sich Gedanken darüber machen.

Praxisbezogener Ansatz

Das Resümee von Andreas Geiger und Thomas Fischer bei der Abschlussbesprechung fällt rundweg positiv aus: „Die Leute hier wissen, was sie tun, sie fühlen sich sicher, und es gibt keine nervöse Hektik auf der Baustelle.“ Die Verantwortlichen von Cteam hören diese Einschätzung natürlich gern und ziehen ebenfalls eine positive Bilanz. Schließlich führe eine realitätsnahe Betrachtung vor Ort weiter als theoretische Normierungsvorschriften.

3 Fragen an Lothar Weihofen

Lothar Weihofen

Executive Vice President DEKRA Group, Service Division Consulting

Wie können Unternehmen die Unfallzahlen noch weiter senken? Lothar Weihofen, Executive Vice President DEKRA Group, Service Division Consulting, sagt dazu: Unternehmenskultur ist der Schlüssel für mehr Sicherheit.

Warum passieren eigentlich immer noch Arbeitsunfälle?

L.W.
Für viele Unternehmen sind die tatsächlichen Treiber für Arbeits- und Gesundheitsschutz der Wunsch nach Konformität und Kundenanforderungen. Aber in den Köpfen und Herzen der Führungskräfte und Mitarbeiter ist das Verständnis von sicherem und gesundem Arbeiten nicht stark genug verbreitet. Dabei ist Sicherheit ein Garant für zuverlässige Arbeitsprozesse und zufriedene Mitarbeiter.

Wie kann Unternehmenskultur Sicherheit verbessern?

L.W.
Entwickelt ein Betrieb durch Verhalten und Verständnis über die Zusammenhänge das Vertrauen und die Verantwortungsbereitschaft aller Führungskräfte und Mitarbeiter systematisch weiter, wirkt sich das messbar auf die Performance aus.

Welche Verbesserungen sind möglich?

L.W.
Gelebte Sicherheit zeigt sich in sinkenden Unfallraten und Abwesenheitsquoten. Wir haben bei vielen Kunden die Erfolge auch mit konkreten Werten gemessen. Verbesserungen der Sicherheit, der verhaltensbasierten Qualität oder der Unfallquoten um 25 bis 50 Prozent sind in der Regel realistische Ziele.